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Abschiedsbrief von Kevin Carter



Kevin Carter (* 13. September 1960 in Johannesburg, Südafrika; + 27. Juli 1994 in Johannesburg) war ein südafrikanischer Fotojournalist. Seine wichtigste Arbeit ist das Foto eines halb verhungerten sudanesischen kleinen Mädchens, das auf dem Weg zur Essensausgabe zusammenbrach. Als Carter die Situation fotografierte, setzte sich ein Aasgeier in die Nähe des Kindes. Das Bild ging, nachdem es zuerst in der New York Times veröffentlicht wurde, um die ganze Welt. Carter bekam dafür 1994 den Pulitzerpreis.

Nach eigenen Angaben wartete Carter, um ein besseres Foto zu bekommen, etwa zwanzig Minuten darauf, dass der Geier seine Flügel ausbreite. Als dies aber nicht geschah, verjagte er den Vogel, um das Mädchen zu schützen. Über das weitere Schicksal des Mädchens ist wenig bekannt, laut Carter habe sie sich soweit regeneriert, dass sie ihren Weg habe fortsetzen können. Nach Veröffentlichung und Auszeichnung des Fotos wurde Carter vorgeworfen, er habe die Situation für seinen eigenen Ruhm als Fotograf ausgenutzt.

Daraufhin wandte er sich vom Fotojournalismus ab, um als Naturfotograf zu arbeiten. Nur kurze Zeit später nahm sich Kevin Carter das Leben. Er hinterließ eine siebenjährige Tochter.

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kevin_Carter, 11.5.2007)

 

Abschiedsbrief

 

........." Der Schmerz des Lebens übersteigt die Freude in einem Maße, dass keine Freude mehr existiert".

Schmerz, Leid, das sind Begriffe, die ich nicht mehr verstehe. Ich kenne ihre Bedeutung, ich weiß mit meinem Verstand, was Menschen erleben, wenn sie die Worte sprechen, aber mein Herz fühlt nichts. Dort sind es nur leere Begriffe, die sich an keine Gefühle mehr binden lassen.

Ich weiß nicht mehr, seit wann ich so abgestumpft bin und wieso. Es war ein langer schleichender Prozess. Mit Sicherheit habe ich viele Menschen verletzt, als ich mich immer mehr in mich selbst zurückgezogen habe, als ich keinen Bezug mehr zu ihren Problemen finden und ihnen somit nicht mehr helfen konnte, als ich ihnen vor den Kopf stieß, weil meine Meinungen und Ansichten in ihrer Welt nur noch auf Unverständnis stießen. Ich wollte niemandem weh tun und auch wenn ich mir die meiste Zeit bewusst war, dass ich es tat, so hatte ich nicht die Kraft es zu ändern. Ich verbrachte Tage, Wochen, Monate damit einfach nur auf dem Sofa zu liegen, den Fernseher anzustarren, zu schlafen, planlos im Netz zu surfen. Ich dachte nicht, in mir drinnen passierte nichts. Keine innere Stimme, die den Strom meines Bewusstseins ordnete, keine Ziele, die es galt zu erarbeiten, keine Leidenschaft, die mich antrieb mein Leben zu ordnen und in eine bestimmte Richtung zu lenken. Ich sah die Welt nur noch durch einen Nebel hindurch, der es mir unmöglich machte, die Bedeutung der Dinge zu erkennen, die sich um mich herum ereigneten. Ich war eingeschlafen und schaffte es nicht wieder aufzuwachen. Nur ganz selten ergriff mich eine Welle der Panik, die mir schlagartig meine Lage bewusst machte und ich verspürte eine unbestimmte Angst, die ich nicht fassen konnte, die mir bewusst machte, dass ich etwas ändern musste. Aber genauso plötzlich, wie diese Schübe mich überkamen, verschwanden diese Stimmungen wieder, wurden immer seltener und machten Platz für die Gleichgültigkeit. Der innere Verweisungszusammenhang der Welt hatte sich aufgelöst.

Ich sehe die Welt nun mit anderen Augen, was früher noch real erschien, existiert heute nicht mehr. Ich Blicke mit kaltem, emotionslosen Augen auf sie. Liebe, Hass, all das ist verschunden. Gefühle sind nicht echt, alles ist künstlich, unser Ich nicht greifbar, es ist konstruiert. Alles was wir tun, jede Handlung, jeder Gedanke, jede Regung unseres Gemüts entspringt niemals aus sich selbst heraus. Nichts davon ist ein Akt der Freiheit, oder die Leistung eines kreativen Ich, das irgendwo in unserem Bewusstsein ruht und diese Dinge spontan hervorbringt. Alles wird einzig und allein bedingt durch eine Ursache, die allem vorausgeht. Jedes Ereignis erfolgt notwendig einem anderen, stets sind wir Gefangene eines Lebens, das nichts weiter ist, als eine kausale Kette aus Ursachen und Wirkungen, die wir niemals sprengen können. Einen höheren Sinn gibt es in diesem Strom nicht und die Notwendigkeit mir der er alles fließt wird zum bestimmenden Modus unseres Seins. Was ist Kontrolle, was ist Eigenständigkeit? Für mich ist es nichts weiter als Selbstbetrug. Ein Strohhalm, an den wir uns in einem Akt der Naivität klammern, um einen Sinn hinter alle dem zu finden. Aber ich sehe diesen Sinn nicht mehr. Das Lauf des Lebens steht schon geschrieben, dieser Notwendigkeit können wir nicht entkommen.

Wie kann man die Welt so noch mit Gefühlen belegen? Gut oder Böse, die Notwendigkeit löst beides auf und entzieht alles einer moralischen Wertung. In so einer Welt kann ich kein Glück mehr erkennen. Ich nehme sie gleichgültig hin und diese für mich so neue Erkenntnis lähmt mich. Es ist völlig egal geworden, ob ich lebe oder sterbe. Ich bin einfach nur ein kleiner Baustein im Lauf des Lebens.

Deshalb seit nicht traurig, wenn ihr diese Worte als meine letzten lest. Genau so wenig wie mein Leben, wird mein Tod irgendeine Bedeutung haben. Er wird mit der selben Notwendigkeit geschehen, die mich zur Welt kommen ließ, die mich heranwachsen ließ, die mir beibrachte, wie man durch Lachen und Weinen seine eigene Realität erzeugt und die mir dieses Wissen wieder wegnahm, die selbe, die mich jetzt gerade diese Worte schreiben lässt und die selbe, die eure Augen über diese Seite führt.

Lebt wohl, vielleicht werde ich bei euch bleiben, in eurer Erinnerung und zwischen den Zeilen dieses Briefes!


Füll die Ödnis in die Augensäcke,

den Opferruf, die Salzflut,

Komm mit mir zu Atem

Und darüber hinaus.

(Paul Celan)

 

(Quelle: http://www.thereptiliancandor.com/textblog/2007/02/abschiedsbrief-eines-selbstmrders.html, 11.5.2007

 

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